16. Juli 1997
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Übung im Hauptstudium: Medienrevolution live. Kritische Erkundungen im Internet.
Prof. Dr. Ernst Fischer
Vortrag von Eduard Pech am 6. Juni 1997 über
Telelearning und Teleteaching
Gliederung
Das vorliegende Referat hinterfragt die Ansätze verschiedener Formen von Lehrangeboten im Internet. Dazu wählte der Autor einige kommerzielle und wissenschaftliche Projekte und Anbieter aus, die Vertreter einer ganzen Gruppe sind.
Nach einer allgemeinen Einführung und der zentralen Definition multimedialen Fernunterrichts folgt die Darstellung der Lehrformen und ihrer Besonderheiten anderen Ansätzen gegenüber. In der Beurteilung nimmt der Autor Stellung zum aktuellen Angebot im Internet. Auch der soziale Aspekt von Teleteaching wird hier diskutiert. Verweise auf Dokumentationen im Internet sind im Anhang aufgeführt.
Einführung
In seiner Rede am 18. April 1997 über die Einbringung des IuKDG in den Deutschen Bundestag stellte Dr. Jürgen Rüttgers, Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Deutschland als einen globalen Spitzenstandort für Informations- und Kommunikationstechnologien dar. Herr Rüttgers hob insbesondere die Initiative "Schulen ans Netz" von Prof. Dr. Rainer Busch als Empfänger von Fördermitteln hervor.
Mit seiner Studie hatte Herr Busch "die Notwendigkeit aufgezeigt, allen deutschen Schulen und Bildungseinrichtungen den Zugang zum Internet zu gewähren." Für Telelernen und -lehren fordert er eine entsprechende Qualifikation der Anbieter und Nutzer, ohne den Unterricht zu "technisieren": "Multimedial- und netzorientierter Unterricht ist eine weitere Facette und Bereicherung des Schulalltags und darf sich keinesfalls auf das Pilotfach Informatik beschränken."
Das Versenden und Empfangen von Email betrachtet Herr Busch nicht als "netzorientierten Unterricht". Lehrer und Lernende sollen vielmehr durch multimediale Techniken, insbesondere durch interaktive Kommunikation, Lehrinhalte austauschen. Dabei sei eine Migration der Lehrer von der Rolle der Lehrenden zu der von Moderatoren oder Beratern erforderlich.
Basierend auf diesen Überlegungen startete Herr Busch 1996 die Initiative "Schulen ans Netz". "Die gewonnenen Ergebnisse sollen Anstoß und Grundlage sein für neue curriculare Ansätze."
Viele Projekte und Angebote befinden sich heute noch in der Erprobungsphase. Einerseits ist es die Neuheit des Ansatzes selbst, die dazu beiträgt. Andererseits müssen die Anbieter ihr Lehrangebot für das Internet neu aufbereiten und präsentieren. Das Forschungsinstitut für Telekommunikation der Fernuniversität Hagen errechnete die für Entwicklung einer einsemestrigen Multimedia-Vorlesung 400.000 Mark. Bei solchen Investitionen bleiben viele Anbieter, die unter den Stichworten Teleteaching für sich werben, dabei, Kursmaterialien per Email zu versenden. Das Angebot von solchen Lehrveranstaltungen reicht von Einführungen in Netscape über Veranstaltungen auf Volkshochschulniveau bis hin zu international anerkannten Hochschulabschlüssen.
"Multimedia-Vorlesungen" verlangen jedoch nicht nur vom Anbieter einen höheren Arbeits- und Kostenaufwand, auch der Schüler muß seinen Rechner auf den neuesten Stand der Technik bringen. Ein Multimedia-PC mit Videokarte, Videokamera und Mikrofon ist z. B. bei der Fernuni Hagen absolutes Minimum; eine schnelle Anbindung zum Internet wird vorausgesetzt.
Datenbanken mit Lehrangeboten und -veranstaltern
Datenbanken erleichtern dem potentiellen Telestudenten die Suche nach dem für seine persönliche Situation idealen Lehrveranstalter. Obgleich es sich hierbei im Prinzip lediglich um Adressenlisten handelt, sind diese Datenbanken eine große Hilfe bei der Orientierung. In Deutschland sind die folgenden beiden Adressen bemerkenswert:
Deutscher Bildungs-Server
Der Deutsche Bildungs-Server enthält Verweise für Lehrer, Schüler, Ausbilder und Wissenschaftler. Diese können untereinander in Foren kommunizieren. Eine thematisch geordnete Datenbank globaler Unterrichtsmaterialien steht zur Verfügung. Lehrer können hier ihr Wissen auffrischen, und Schüler können sich dem Selbstudium widmen. Das Angebot ist sehr umfassend.
Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet
Die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet enthält in ihrer Datenbank Lehrpläne, Lehrmaterialien und Verweise anderer Quellen im Internet. Ein großer Teil der Einträge ist jedoch noch nicht ausgeführt.
International Centre for Distance Learning
Das ICDL ist ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, alle Anbieter für Fernunterricht weltweit zu erfassen. Der in England heimische Dienst listet viele Dutzend Institutionen in England, in Frankreich, aber auch in den Niederlanden oder der Schweiz auf; für Deutschland beschränkt sich das Angebot leider noch auf drei Einträge: Berlitz Online, DIFF - Deutsches Forschungsinstitut für Fernstudienforschung, Fernuniversität Hagen.
Verbände verschiedener Veranstalter
Die Vereinigung mehrerer Lehrveranstalter unter einer Adresse im Internet hat für den Anwender, also den Studenten, den Vorteil, daß dieser aus einem weiteren Spektrum von Angeboten auswählen kann. So kann er sehr gezielte Anfragen an die Datenbank stellen und gleichzeitig eine ausführliche Auflistung erwarten. Da der Zugriff auf die Datenbank einheitlich für alle Anbieter im Verbund ist, muß der Anwender nicht den Umgang mit vielen verschiedenen Schnittstellen erlernen. Auch die Aufbereitung der Ergebnisdaten ist einheitlich.
The Globewide Network Academy
Das GNA ist ein Netzwerk mit über 10.000 Angeboten zum Fernstudium, eingeteilt nach Kursen und Programmen. Der Interessent erzeugt eine Liste mit seinen persönlichen Angaben und erhält Verweise zu den Veranstaltern, mit allen wichtigen Details, einer Kursbeschreibung und dem entsprechenden Anmeldeformular.
Klassischer Fernunterricht - wissenschaftlich und kommerziell
Die einfachste Form des Fernunterrichts im Internet erfolgt durch den Empfang und die Versendung elektronischer Post. Die Vorteile der elektronischen Versendung der Lehrmaterialien gegenüber der konventionellen, postalischen, beschränken sich auf die prinzipiellen Vorzüge von Emails: Einsparung von Zeit und Portokosten. Vielmehr hält der Kursteilnehmer kein gebundenes Buch in der Hand, sondern muß sich das Material selbst ausdrucken, um schließlich mit den Einzelblättern zu arbeiten.
Weitergehende Ansätze arbeiten die Lehrmaterialien multimedial auf und geben dem Benutzer die Möglichkeit, interaktiv mit den Dateien zu verfahren. So ist es möglich, in Formularen Antworten einzutragen, oder z. B. Eingabeparameter einer mathematischen Formel zu variieren, um das Ergebnis sofort angezeigt zu bekommen.
Teleteaching und -training am Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung
http://www.igd.fhg.de/www/igd-a3/a3home/projects/ttt-g.html
Das Volumen der hier lokal verfügbaren Lehrmaterialien umfaßte für das Wintersemester 95/96 und das Sommersemester 96 zusammen fünf TeraByte. Es handelt sich dabei um Vorlesungsskripte, Folien und Video- und Audiomitschnitte von Vorlesungen an der Technischen Hochschule Darmstadt, die über eine WWW-Schnittstelle von Studenten abgespielt werden können.
Der hier verwirklichte Ansatz ist ein passiver Konsum des Lehrstoffes in Form von Vorlesungen. Der Vorteil einer Vorlesung am Bildschirm ist allein die zeitliche Unabhängigkeit des Studenten. Dieser kann jederzeit die gleiche Vorlesung wiederholen und an schwierigen Stellen sogar anhalten, um sich die passende Folie zu betrachten oder sich seine eigenen Gedanken zum Thema zu machen. Er hat jedoch keine Möglichkeit, beim Dozenten nachzufragen.
UOL Publishing
http://www.uol.com/cgi-shl/dbml.exe?template=/cftemplate/marketing/index1.dbm
Hinter UOL verbirgt sich ein Verleger von Lehrmaterialien, der sich auf Veröffentlichungen im World-wide Web spezialisiert hat. Internet-basierte Kurse können auch spezifischen Kundenanforderungen angepaßt oder neu erstellt werden. Das Angebot umfaßt Testkurse, z. B. eine Einführung in das World-wide Web, die jedem Interessenten unverbindlich zugänglich sind. Einzige Voraussetzung für die UOL-Kurse ist ein Internet-Browser.
Die Kurse von UOL sind bereits interaktiv; an bestimmten Stellen erwartet das Dokument Eingaben vom Benutzer, die geprüft und ausgewertet werden. Das Ergebnis steht unmittelbar zur Verfügung. Diese Interaktivität beschränkt sich jedoch auf einfache Eingaben und Abschnitte mit Mehrfachauswahl.
Universität Saarbrücken
http://lehre2000.iwi.uni-sb.de/html/info03.html
Als einer der zahlreichen Vertreter im wissenschaftlichen Bereich sei hier die Universität Saarbrücken aufgeführt. In vier Modulen können Veranstalter und Kursteilnehmer ihre Internet-Aktivitäten steuern:
Das Angebot geht bezüglich der interaktiven Möglichkeiten nicht über das von UOL Publishing hinaus.
Cinderellas Cafe
Interaktive Geometrie auf dem Computer ist der Schwerpunkt dieser Internet-Seite. Der Anbieter präsentiert ein Programmwerkzeug, das interaktive geometrische Formen zur Veranschaulichung mathematischer Sachverhalte darzustellen vermag. So kann z. B. der geometrische Beweis für den Satz des Pythagoras betrachtet werden, während man die Eckpunkte des Dreiecks mit der Maus verschiebt. Es ist auch möglich, die Bahnen anderer durch die aktuellen Veränderungen betroffener Punkte zu betrachten.
Diese interaktive Lösung geht über das hinaus, was UOL im Internet anbietet. Die klassische Frontalunterrichtssituation wird aufgehoben und der Mathematikunterricht bekommt einen forschenden, experimentellen Charakter.
Interaktive Lehrangebote und Projekte - wissenschaftlich und kommerziell
Über das hinaus gehend, was bisher Erwähnung fand, gibt es auch Ansätze für Interaktion zwischen Studenten und Dozenten. Dies setzt voraus, daß alle Teilnehmer einer Veranstaltung zeitgleich an ihren Rechnern sitzen, d. h. ein Vorteil des klassischen Fernunterrichts, die zeitliche Unabhängigkeit, geht verloren. Doch die Vorteile der Interaktion, hauptsächlich die Möglichkeit, Themen zu diskutieren, und bei Verständnisproblemen nachzufragen, überwiegen.
Das DFN-Projekt "Teleteaching Dresden-Freiberg"
http://wwwrn.inf.tu-dresden.de/telet/proj1.html
Das Projekt ist in drei aufeinander aufbauende Modi gegliedert:
Die Nutzer dieses Projekts sind Studenten der Informatik und Wirtschaftsinformatik unter aktiver Beteiligung der Lehrkräfte. Dabei sind die Studentenwohnheime durch Internet-Anbindung im Projekt integriert. Es befindet sich jedoch zur Zeit noch in Erprobung.
Computer Aided System for Teleinteractive Learning in Environmental Monitoring (CASTLE)
http://www.uni-hohenheim.de/~www510h/texte/castle/castle.html
Ein weiteres Projekt, um die Möglichkeiten der Interaktion beim Fernunterricht zu erforschen, ist CASTLE:
Auch dieses Projekt ist nicht weit fortgeschritten.
Interactive Remote Instruction System (IRI)
Die Startseite des Fachbereichs für Computerwissenschaften der Old Dominion Universität (ODU) enthält unter F Highlights F IRI die Beschreibung des proprietären Interactive Remote Instruction System. Es bietet folgende grundlegende Technologie:
Die ODU hat eine lange Tradition des Fernstudiums. Auch das elektronische Medium Internet ist bereits seit einigen Jahren im praktischen Einsatz. Nach eigenen Angaben nutzen über 3.000 Studenten regelmäßig die Möglichkeit, interaktiv mit ihrem Kursleiter in Verbindung treten zu können.
Diese Tradition in Verbindung mit den technischen Möglichkeiten, die kürzlich erweitert wurden, sind die solide Basis für den praktischen Nutzen von Interaktion im Fernunterricht. Bei dieser Lösung kann der Benutzer zeitlich festgelegte Kurse besuchen, als wäre er persönlich im Seminarraum anwesend. Zusätzlich kann er auch Vorlesungen und klassische Ausprägungen des Fernunterrichts ohne zusätzlichen technischen Aufwand nutzen. Die Synthese verschiedener Lehr- und Lernmethoden ist hier also am weitesten fortgeschritten.
Spezielle Lehrform
Ein ganz spezieller "Fernführer" konnte vom 29. Mai bis 1. Juni in der Bonner Außenstelle des Deutschen Museums bewundert werden. Der autonome Roboter "Rhino" führte die Anwesenden zwischen den Exponaten umher und gab die passenden Erläuterungen. Aber auch über das Internet konnte er zu bestimmten Zeiten ferngesteuert werden. Zwei Kameras zeigten die Position von Rhino im Raum sowie das Exponat, das er im Blick hatte. Auf einer Karte wählte der Benutzer die Orte im Museum aus, für die er sich interessierte.
Schlußbemerkungen
Viele der aktuellen Projekte befinden sich noch in der Erprobungsphase. Die fertigen Kurse beschränken sich zumeist auf hypermedial aufgearbeiteten Lehrstoff, wie er aus konventionellen Lehrmedien bekannt ist. Für kommerzielle Anbieter sind die Investitionen in interaktive Systeme zu hoch; sie zahlen sich zur Zeit weder beim Veranstalter noch beim Klientel aus. Neben den Kosten für neue Rechnerkomponenten sind auch schnellere Internet-Anbindungen zu veranschlagen.
Dagegen ist für das klassische Fernstudium ein neues Medium erschlossen worden. Die wichtigsten Vorteile des Internets sind Kosten und Geschwindigkeit. Einerseits entfallen die Kosten für den Druck des Lehrmaterials. Andererseits kann es unmittelbar zur Verfügung gestellt werden. Eventuelle Korrekturen oder auch strukturelle Veränderungen bedürfen keines Nachdrucks eines kompletten Lehrbuches.
Welche neuen Möglichkeiten das Internet in der ferneren Zukunft möglich machen wird, kann man nur erahnen. Gegenüber Deutschland, wo das Projekt "Rhino" ein Novum darstellt, fahren in US-amerikanischen Krankenhäusern ähnliche Roboter bereits Laborproben herum. "Ein Exemplar mit Spinnenbeinen krabbelte schließlich schon einmal in einen Vulkan hinein. Damit muß er sich als einer der wenigen seines Standes nicht dem Vorwurf aussetzen, ein Jobkiller zu sein." Mit zunehmendem Grad an Autonomie und anderen Ansätzen wird sich auch das Aussehen von Fernstudiengängen im Internet wandeln.
Es bleibt die Frage nach den sozialen Folgen von Telelearning und Teleteaching. Die physische Distanz zum Kursleiter sowie zu den anderen Kursteilnehmern kann auch durch neuere Technologien nicht kompensiert werden. Die sinnliche Wahrnehmung ist ein wesentlicher Bestandteil der Informationsaufnahme und direkter Austausch mit anderen Personen formt die eigene Persönlichkeit. Der Autor meint, daß eine Vernachlässigung dieser wesentlichen Aspekte zumindest neue Umgangsformen schafft, wenn nicht sogar den Denkprozeß an sich beeinflußt.
Gleichwohl sollten verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten ohne Angst genutzt werden, wenn die Situation es erlaubt oder gar erfordert. Einen persönlichen Austausch ersetzen sie nicht. Es liegt, wie so oft, in der Verantwortung des Einzelnen, das richtige Maß für sich selbst anzusetzen. Unter dieser Voraussetzung bietet das Medium Internet eine erweiterte Vielfalt an Lehrmethoden und Lernbedingungen zum Vorteil der Anwender.
Anhang
Es folgt eine Liste der Internet-Seiten, die im Vortrag Erwähnung fanden, in alphabetischer Reihenfolge:
http://lehre2000.iwi.uni-sb.de/html/info03.html
http://rom.informatik.uni-freiburg.de/mmgroup;internal&sk=01D921E8
http://www.igd.fhg.de/www/igd-a3/a3home/projects/ttt-g.html
http://www.informatik.uni-mannheim.de/informatik/pi4/projects/teleTeaching
http://www.uni-hohenheim.de/~www510h/texte/castle/castle.html
http://www.uol.com/cgi-shl/dbml.exe?template=/cftemplate/marketing/index1.dbm
http://wwwrn.inf.tu-dresden.de/telet/proj1.html
Die Verweise stellen zum Teil die Beschreibungen der lokalen Projekte und Angebote dar. Weiterführende Informationen sind auf den entsprechenden Startseiten vorhanden.